Bitte lesen und dem Nachbarn vorlesen, danit der es weitergibt an seine Nachbarn. Ich befürchte fast, es ist zu spät.
Am 23. August veröffentlichte der mit zahllosen Preisen
ausgezeichnete australische Journalist und Dokumentarfilmer John
Pilger auf seiner Internetseite den Artikel »Provoking nuclear war
by media«.
Hier der Link zum Original: http://johnpilger.com/articles/provoking-nuclear-war-by-media
Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien
(ICTY) in Den Haag hat den verstorbenen serbischen Präsidenten
Slobodan Milosevic in aller Stille von dem Vorwurf entlastet, während
des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 Kriegsverbrechen begangen zu
haben, einschließlich des Massakers von Srebrenica.
Weit davon entfernt, sich mit dem verurteilten Führer der
bosnischen Serben, Radovan Karadzic, zu verschwören, hatte Milosevic
»ethnische Säuberungen« verurteilt, gegen Karadzic opponiert und
versucht, den Krieg zu beenden, infolgedessen Jugoslawien weiter
zerfiel. Diese Wahrheit, die am Ende einer mehr als
zweieinhalbtausend Seiten umfassenden Urteilsbegründung gegen
Karadzic vom vergangenen März unterging, zertrümmert einmal mehr
jene Propaganda, mit der die NATO 1999 ihren illegalen Angriff auf
Serbien rechtfertigte.
Milosevic, »Schlächter vom Balkan«
Milosevic starb 2006 während eines scheinjuristischen Verfahrens
des von den USA erfundenen »internationalen Tribunals« in Den Haag
an einem Herzinfarkt, als er sich völlig allein in seiner Zelle
befand. Nachdem ihm eine Herzoperation verweigert worden war, die
sein Leben hätte retten können, verschlechterte sich sein Zustand
zusehends. Das war US-Offiziellen bekannt, sie hielten es aber
geheim, wie Wikileaks später enthüllte.
Milosevic war Opfer der Kriegspropaganda, die sich heute wie eine
Sturzflut aus Bildschirmen und Zeitungen über uns ergießt und große
Gefahren für uns alle signalisiert. Die westlichen Medien machten
aus Milosevic den Prototyp eines Dämons und verunglimpften ihn als
»Schlächter vom Balkan«, der insbesondere für den »Völkermord«
in der abtrünnigen serbischen Provinz Kosovo verantwortlich sei. Das
behauptete der britische Premierminister Tony Blair, der Verbindungen
zum Holocaust zog und Maßnahmen gegen den »neuen Hitler«
einforderte. David Scheffer, US-Sonderbotschafter für
Kriegsverbrechen [sic!], erklärte, nicht weniger als »225.000
Männer albanischer Abstammung im Alter zwischen 14 und 59 Jahren«
seien von Milosevics Streitkräften ermordet worden.
Das war die Rechtfertigung für das von Bill Clinton und Blair
maßgeblich verantwortete NATO-Bombardement 1999, bei dem Hunderte
von Zivilisten in Krankenhäusern, Schulen, Kirchen, Parks und
Fernsehstudios getötet wurden und das die ökonomische Infrastruktur
Serbiens zerstörte. Bei der berüchtigten »Friedenskonferenz« im
französischen Rambouillet wurde Milosevic ausgerechnet von
US-Außenministerin Madeleine Albright angegriffen, die sich (1996 in
einer US-Fernsehshow,
jW) mit der infamen Bemerkung
hervorgetan hatte, der Preis einer halben Million getöteter
irakischer Kinder sei »es wert« gewesen (gemeint war das
US-amerikanische Embargo gegen den Irak,
jW).
Albright machte Milosevic ein »Angebot«, das für keinen
Staatschef akzeptabel gewesen wäre. Entweder er stimme der
militärische Besetzung seines Landes durch »außerhalb des
rechtlichen Verfahrens« stehende ausländische Besatzungstruppen und
der Auferlegung eines neoliberalen »freien Marktes« zu, oder
Serbien werde bombardiert. Dies war der Inhalt eines »Appendix B«,
den die Medien entweder nicht gelesen hatten oder aber dessen
Bekanntwerden unterdrückten. Das Ziel war, Europas letzten
unabhängigen »sozialistischen« Staat zu zerschlagen.
Nachdem die NATO mit dem Bombardement begonnen hatte, gab es einen
Massenexodus von Flüchtlingen aus dem Kosovo, die »vor einem
Holocaust flohen«. Als es vorbei war, fielen internationale
Polizeieinheiten in das Kosovo ein, um die Opfer des »Holocaust« zu
exhumieren. Der US-Bundespolizei FBI gelang es nicht, ein einziges
Massengrab zu finden, und so zog sie wieder ab. Einem Team spanischer
Forensiker erging es nicht anders, was seinen Leiter dazu
veranlasste, wütend die »sprachliche Pirouette der
Kriegspropagandamaschinerie« anzuprangern. Am Ende wurden 2.788 Tote
im Kosovo gezählt. Dazu gehörten Kombattanten beider Seiten sowie
Serben und Roma, die von der »Befreiungsarmee des Kosovo« (UÇK,
Abkürzung für albanisch »Ushtria Çlirimtare e Kosovës«,
jW)
ermordet worden waren. Es gab keinen Völkermord. Der NATO-Angriff
war beides – Betrug und Kriegsverbrechen.
Bis auf einen kleinen Bruchteil trafen die als »präzisionsgelenkte
Munition« gepriesenen Raketen der USA nicht militärische, sondern
zivile Ziele wie die Nachrichtenstudios des Belgrader Rundfunk- und
Fernsehsenders
RTS (in den frühen Morgenstunden des 23.
April 1999,
jW). Sechzehn Menschen wurden getötet, darunter
Kameraleute, Produzenten und eine Maskenbildnerin. Blair bezeichnete
die Toten ruchlos als Teil von Serbiens »Kommando- und
Kontrollstruktur«. Im Jahr 2008 offenbarte Carla Del Ponte,
Chefanklägerin des ICTY von 1999–2007, sie sei unter Druck gesetzt
worden, die Verbrechen der NATO nicht zu untersuchen.
Der Wunsch, »Gutes zu bringen«
Es war das Modell für Washingtons folgende Invasionen in
Afghanistan, Irak, Libyen und die verdeckte Intervention in Syrien,
die allesamt als »Hauptkriegsverbrechen« im Sinne der Nürnberger
Prozesse bezeichnet werden können; sie alle hingen von der
Medienpropaganda ab. Der Boulevardjournalismus spielte seine
traditionelle Rolle. Am wirksamsten aber war der seriöse,
glaubwürdige, zumeist liberale Journalismus: eine mit evangelikalem
Eifer vorgetragene Unterstützung Blairs und seiner Kriege durch den
Guardian, die unablässig vorgetragenen Lügen über Saddam
Husseins in Wahrheit nicht existierende Massenvernichtungswaffen im
Observer und der
New York Times sowie das ständige
Rühren der Propagandatrommel für die Regierungspolitik durch die
BBC. All das stand im krassen Gegensatz zum Schweigen über
Fakten.
Auf dem Höhepunkt der Bombardierung interviewte Kirsteen Anne
»Kirsty« Wark von der
BBC General Wesley Clark, den
Oberbefehlshaber der NATO-Truppen im Kosovo. Über der serbischen
Stadt Nis war gerade ein tödlicher Regen von US-Streubomben
niedergegangen, mit dem Frauen, alte Menschen und Kinder auf einem
offenen Marktplatz und in einem Krankenhaus ermordet wurden. Wark
stellte jedoch weder zu diesen noch zu anderen zivilen Todesopfern
auch nur eine einzige Frage. Einige ihrer Kollegen waren sogar noch
unverfrorener. Im Februar 2003, als Blair und George W. Bush den Irak
in Brand gesetzt hatten, stand Andrew Marr, politischer Redakteur der
BBC, in der Londoner Downing Street und machte aus seiner
Reportage eine Siegesrede. Begeistert erzählte er seinen Zuschauern,
Blair habe gesagt, sie seien in der Lage, »Bagdad ohne Blutbad
einzunehmen, und dass die Iraker am Ende feiern würden. Und in
beiden Punkten ist nun eindeutig erwiesen, dass er absolut richtig
lag«. Heute, mit einer Million Toten und einer in Schutt und Asche
gebombten Gesellschaft, wäre es der US-Botschaft in London
anzuempfehlen, sich Marrs
BBC-Interviews noch einmal
anzusehen.
Marrs Kollegen standen Schlange, um Blairs Aussage für
»bestätigt« zu erklären. Der Washington-Korrespondent der
BBC, Matt Frei, sagte: »Es gibt keinen Zweifel, dass der
Wunsch, Gutes zu bringen, dem Rest der Welt und vor allem dem Nahen
Osten die amerikanischen Werte zu bringen, (…) jetzt zunehmend eng
mit der Ausübung militärischer Macht verbunden ist.«
Ausschließlich Assad trage Schuld
Die Verbeugung vor den Vereinigten Staaten und ihren
Kollaborateuren als einer gütigen Kraft, die »Gutes bringt«,
bestimmt entscheidend den etablierten Journalismus des Westens. Damit
ist gleichzeitig gegeben, dass die Schuld an der gegenwärtigen
Katastrophe in Syrien ausschließlich Baschar Al-Assad zugeschoben
wird. Der Westen und Israel sind seit langem entschlossen, ihn zu
stürzen – nicht wegen irgendwelcher humanitärer Besorgnisse,
sondern um Israels Macht in der Region zu stabilisieren. Die von den
USA, Großbritannien, Frankreich, der Türkei und ihren
»Koalitions«-Stellvertretern entfesselten und bewaffneten
dschihadistischen Kräfte dienen ebendiesem Zweck. Sie sorgen für
die Propaganda und die Videos, aus denen in den USA und Europa
Nachrichten gemacht werden und die Journalisten den Zugang zu dem
bieten, was eine einseitige »Berichterstattung« über Syrien
garantiert.
Die Stadt Aleppo ist permanent in den Nachrichten. Den meisten
Lesern und Zuschauern wird nicht bewusst sein, dass die Mehrheit der
Bevölkerung von Aleppo in dem von der syrischen Regierung
kontrollierten westlichen Teil der Stadt lebt. Dass sie unter
täglichem Artilleriebeschuss der vom Westen unterstützten Al-Qaida
stehen, wird nicht gemeldet. Am 21. Juli 2016 griffen französische
und US-amerikanische Bomber ein von der Regierung kontrolliertes Dorf
in der Provinz Aleppo an und töteten 125 Zivilisten. Darüber
berichtete der
Guardian ohne Fotos.
In den 1980er Jahren haben die USA in Afghanistan mit der
»Operation Cyclone« einen Dschihadismus geschaffen und abgesichert,
der als Waffe dazu dienen sollte, die Sowjetunion zu zerstören.
Heute machen die USA etwas Ähnliches in Syrien. Wie die
Mudschaheddin in Afghanistan fungieren heute die syrischen »Rebellen«
als Bodentruppen der USA und Großbritanniens. Viele von ihnen
kämpfen für Al-Qaida und vergleichbare Organisationen. Einige, wie
die Fatah-Al-Scham-Front, haben sich mit Rücksicht auf amerikanische
Empfindlichkeiten wegen der Anschläge vom 11. September 2001
umbenannt. Sie werden trotz einiger Schwierigkeiten von der CIA
geführt, wie sie es mit Dschihadisten überall auf der Welt tut.
Das unmittelbare Ziel ist die Zerstörung der Regierungsmacht in
Damaskus, die nach einer äußerst glaubwürdigen Umfrage des Markt-
und Meinungsforschungsinstituts YouGov Siraj die Mehrheit der Syrer
unterstützt oder die sich von ihr zumindest erhofft, von ihr
geschützt zu werden, unabhängig von der Barbarei, die sich in deren
Machtbereich ereignet. Langfristig zielt diese Strategie darauf,
Russland in seiner Rolle als entscheidender Verbündeter im Nahen
Osten zu bekämpfen. Das ist Teil eines Zermürbungskriegs der NATO
gegen die Russische Föderation, um sie am Ende zu zerstören.
Dämon Putin
Das atomare Risiko liegt auf der Hand, auch wenn es von den Medien
der »freien Welt« verschwiegen wird. Die Kommentatoren der
Washington Post, die für die Fiktion von
Massenvernichtungswaffen im Irak Reklame machten, fordern, dass
US-Präsident Barack Obama Syrien angreift. Hillary Clinton, die
öffentlich über ihre Henkerrolle bei der Zerstörung Libyens
frohlockte, hat wiederholt erklärt, dass sie als Präsidentin
»weiter gehen« würde als Obama.
Gareth Porter, ein Samisdat-Journalist, der aus Washington
berichtet, enthüllte vor kurzem die Namen von Personen, die
möglicherweise einem Clinton-Kabinett angehören könnten und einen
Angriff auf Syrien befürworten. Sie alle verbindet eine gemeinsame
Geschichte als angriffslustige Protagonisten des Kalten Krieges. Der
ehemalige Direktor der CIA, Leon Panetta, sagt, dass »der nächste
Präsident in Betracht ziehen muss, zusätzlich Spezialeinheiten auf
dem Boden einzusetzen«.
Das Bemerkenswerteste an der jetzt sturmflutartig über uns
hereinbrechenden Kriegspropaganda ist ihre offenkundige Absurdität
und gleichzeitig die Vertrautheit mit ihr. Ich habe mir
Archivaufnahmen von Filmen aus dem Washington der 1950er Jahre
angesehen, als Senator Joseph McCarthy eine Hexenjagd gegen
Diplomaten, Staatsbedienstete und Journalisten lostrat und sie in
ihrer Existenz ruinierte, weil sie die Lügen über die Sowjetunion
und China öffentlich infrage gestellt hatten. Wie ein Krebsgeschwür
ist der Anti-Russland-Kult nun wieder zurückgekehrt.
In Großbritannien führt Luke Harding vom
Guardian die
Russland-Hasser seiner Zeitung dabei an, Wladimir Putin alle Schuld
zuzuweisen. Als der Inhalt der Panama-Papers am 3. April 2016 an die
Öffentlichkeit gelangte, setzte der
Guardian den russischen
Präsidenten mit Foto auf die Titelseite, obwohl dessen Name an
keiner einzigen Stelle in den Enthüllungen vorkommt.
Wie einst Milosevic wird nun Putin zum Dämon Nummer eins gemacht.
Er war es natürlich, der eine Maschine der Malaysian Airlines über
der Ukraine abschoss. Überschrift: »Meiner Meinung nach hat Putin
meinen Sohn getötet.« Beweise? Nicht erforderlich. Natürlich war
es auch Putin, der für den nachweislich von Washington veranlassten
(und finanzierten) Sturz der gewählten Regierung in Kiew im Jahr
2014 verantwortlich war. Für die nachfolgende Terrorkampagne
faschistischer Milizen gegen die russischsprachige Bevölkerung der
Ukraine war natürlich Putins »Aggression« verantwortlich. Zu
verhindern, dass die Krim eine NATO-Raketenbasis wird, und die dort
lebende mehrheitlich russische Bevölkerung zu schützen, die in
einem Referendum für eine Wiedervereinigung mit Russland – von dem
die Krim annektiert worden war – stimmte, waren weitere Beispiele
für Putins »Aggression«. Die Verleumdungen der Medien werden so
zwangsläufig zum Krieg der Medien. Sollte der Krieg mit Russland
planmäßig oder aus Versehen ausbrechen, tragen Journalisten dafür
einen großen Teil der Verantwortung.
Trump, der »sibirische Kandidat«
Der
New York Times-Kolumnist Paul Krugman, ein mit dem
Nobelpreis ausgezeichneter Ökonom, bezeichnete Donald Trump als
»sibirischen Kandidaten«, weil Trump Putins Mann sei, wie er sagt.
Trump hatte es gewagt, in einem seiner seltenen lichten Momente
anzudeuten, dass ein Krieg mit Russland eher eine schlechte Idee sein
könnte. Er ging sogar noch einen Schritt weiter und entfernte den
Passus über US-amerikanische Waffenlieferungen an die Ukraine aus
dem Programm der Republikaner. »Wäre es nicht toll, wenn wir mit
Russland klarkämen?« fragte er.
Aus diesem Grund hassen die Kriegstreiber des liberalen
US-Establishments ihn. Trumps Rassismus und seine polternde Demagogie
haben damit jedoch nichts zu tun. Mit dem Rassismus und Extremismus,
den Bill und Hillary Clinton auf dem Kerbholz haben, können sie
Trump spielend jeden Tag übertrumpfen. (Vor 20 Jahren wurde Clintons
»Reform« der Sozialgesetzgebung lanciert, die einen Krieg gegen die
afroamerikanische Bevölkerung eröffnete). Nicht anders bei Obama:
US-Polizisten schießen afroamerikanischen Bürger nieder, doch der
große Hoffnungsträger im Weißen Haus hat nichts dafür getan, sie
zu schützen oder ihre Verarmung zu mildern. Gleichzeitig führte er
vier Kriege und war für eine beispiellose Mordkampagne
verantwortlich.
Die CIA hat gefordert, Trump solle nicht gewählt werden. Die
Generäle des Pentagons fordern das gleiche. Auch die
Kriegsbefürworter der
New York Times gönnen sich eine
Verschnaufpause von ihrer unerbittlichen Kampagne billiger
Verleumdungen gegen Putin und werben dafür, Trump die Stimme zu
verweigern. Da ist etwas im Gange. Diese Volkstribune des
»permanenten Krieges« erschreckt, dass das
Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft des Krieges, mit dem die
Vereinigten Staaten ihre Vorherrschaft behaupten, gefährdet werden
könnte, wenn Trump sich erst mit Putin und dann mit Chinas Xi
Jinping auf einen Deal einigt.
»Trump hätte Stalin geliebt!« grölte Vizepräsident Joe Biden
auf einer Kundgebung für Hillary Clinton. Clinton nickte zustimmend,
als er weiter ausrief: »Wir unterwerfen uns niemandem. Wir beugen
uns nicht. Wir fallen vor niemandem auf die Knie. Wir ergeben uns
niemals. Wir sind immer die ersten auf der Ziellinie. Das ist es, was
wir sind: Wir sind Amerika!«
Verachteter Kriegsgegner Corbyn
In Großbritannien war es Jeremy Corbyn, der ebenfalls Hysterie
unter den Kriegstreibern in der Labour-Partei und in den Medien
auslöste, die es gewohnt sind, über ihn herzuziehen. Lord West, ein
ehemaliger Admiral und Arbeitsminister, sprach deutliche Worte.
Corbyn habe eine »empörende« Antikriegsposition eingenommen, »weil
er damit die unbedacht handelnden Massen dazu bringt, für ihn zu
stimmen«.
In einer Debatte mit seinem Herausforderer Owen Smith wurde Corbyn
vom Moderator gefragt: »Wie würden Sie auf einen Übergriff
Wladimir Putins auf einen Mitgliedsstaat der NATO reagieren?« Corbyn
antwortete: »In erster Linie ginge es darum zu verhindern, dass so
etwas überhaupt passiert. Man würde mit Russland einen guten Dialog
entwickeln. (…) Wir würden versuchen, eine Entmilitarisierung der
Grenzen zwischen Russland, der Ukraine und den anderen Ländern an
der Grenze zwischen Russland und Osteuropa einzuleiten. Was wir nicht
zulassen dürfen, ist der verhängnisvolle Truppenaufmarsch auf
beiden Seiten, der große Gefahren in sich birgt.«
Als Corbyn dazu gedrängt wurde zu sagen, ob er einem Krieg gegen
Russland die Genehmigung erteilen würde, »wenn Sie es müssten«,
antwortete Corbyn: »Ich möchte nicht in den Krieg ziehen – ich
möchte eine Welt schaffen, in der wir nicht mehr gezwungen sind, in
den Krieg zu ziehen«.
Diese Art der Befragung ist Britanniens linksliberalen
Kriegsbefürwortern zu verdanken. Labour Party und Medien haben ihnen
sehr lange Karrieremöglichkeiten geboten. Eine Zeitlang gerieten sie
durch den von den großen Verbrechen im Irak ausgelösten moralischen
Tsunami ins Schwimmen, und ihre Verkehrung der Wahrheit erschien als
zeitweilige Peinlichkeit.
Abweichende Meinungen im Journalismus oder in der
wissenschaftlichen Lehre wurden seitdem entweder systematisch
verbannt oder zurechtgebogen, demokratisches Denken wurde zuerst
entleert und dann wieder mit »Identitätspolitiken« gefüllt, die
Gender mit Feminismus und Angst in der Gesellschaft mit Befreiung
verwechseln, und die vorsätzlich die staatliche Gewalt und die
Geschäftemacherei mit Waffen ignorieren, durch die unzählige Leben
in weit entfernten Ländern wie Jemen und Syrien vernichtet werden
und die einen Atomkrieg in Europa und in der ganzen Welt als
Möglichkeit am Horizont aufscheinen lassen.
Das Wachrütteln von Menschen aller Altersgruppen rund um den
spektakulären Aufstieg von Jeremy Corbyn wirkt dem bis zu einem
gewissen Grad entgegen. Corbyn hat sein Leben der Aufgabe gewidmet,
über die Schrecken des Krieges aufzuklären. Sein Problem und das
seiner Anhänger ist die Labour Party. In den USA war es die
Demokratische Partei, die für Tausende Anhänger von Bernhard
»Bernie« Sanders’ zum Problem wurde, einmal abgesehen vom
letztlichen Verrat ihrer großen weißen Hoffnung. In den USA, der
Heimat der großartigen Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen,
bilden »Black Lives Matter«, »Codepink« und ähnliche
Organisationen moderne Versionen dieser Bewegungen.
Denn nur eine Bewegung, die sich in den Straßen und über die
Grenzen hinweg ausbreitet und wächst und die nicht aufgibt, ist in
der Lage, die Kriegstreiber zu stoppen. Im nächsten Jahr ist es
hundert Jahre her, seit Wilfred Owen das Gedicht »Dulce et Decorum
est« schrieb (lat. für: »Süß und ehrenvoll ist es«), aus dem
die folgende Strophe stammt. Jeder Journalist sollte es lesen und
sich immer wieder daran erinnern …
Wenn du hören könntest, wie bei jedem Stoß das
Blut
Gurgelnd aus seinen schaumgefüllten Lungen
läuft,
Ekelerregend wie der Krebs, bitter wie das Wiederkäuen
Von
Auswurf, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,
Mein Freund,
du erzähltest nicht mit so großer Lust
Kindern, die nach einem
verzweifelten Ruhmesglanz dürsten,
Die alte Lüge: Dulce et
decorum est
Pro patria mori.